Neulich haben wir uns die Jahresausstellung der Stuttgarter Kunstakademie angeschaut. Der spontane Vorschlag kam von Else, dabei waren noch Jutta und Saša. Wie immer bei solchen Ausstellungen waren in den Ateliers alle Kunstsparten vertreten; Malerei, Zeichnung, Objektkunst, Installationen, Performance, Videokunst, Bildhauerei … Dazu eine wunderbare Atmosphäre, viele gut gelaunte Besucher – und schöne Gespräche! … Am Schluss wollte man noch den „Tatort“ sehen, den Raum, in dem der Atelierhausmeister – vor mehr als 20 Jahren! – studiert hat …
Tübingen ist eine hübsche, angenehme Stadt. Flanieren, in einem netten Café Kaffee trinken, am Fluss die Ausflugsboote beim Vorbeigleiten beobachten – wunderbar!
Aber in der Glyptothek im Schloss Hohentübingen, wo Gipsabgüsse berühmter antiker Skulpturen ausgestellt sind, zeichnen gehen – das ist etwas ganz besonders! Neulich habe ich es (wieder) gemacht.
Im Vordergrund steht Nike von Samothrake! Selten ist in der griechischen Plastik die Wirkung einer selbst nicht darstellbaren Substanz – der Luft – so eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht worden. Lange wurde die Skulptur der Siegesgöttin als das schönste Kunstwerk aller Zeiten gepriesen. Im 20. Jh. wollten die Futuristen dem ein Ende setzen – Marinetti rief aus: Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. (darauf attestierte Herman Broch den Futuristen eine „Kindheit der Vernunft“. Heute sagen wir: zu Recht! Denn was eine zwar avantgardistische aber auch pubertäre Begeisterung für Technik, Schnelligkeit, Lärm, Masse, maschinelle Reizerhöhung und überhaupt für das „Neue“ aus der Welt gemacht hat, wissen wir nur zu gut …)Hier meine Zeichnung, in der ca. 30 Minuten Beobachtung gespeichert sind …Eine Skizze … Es ist ein Vergnügen besonderer Art, die Linien einer Skultpur (oder eines beliebigen Objekts!) zu dokumentieren, die Bewegung des Körpers durch Bewegung des Bleistifts noch einmal künstlerisch mit Leben zu füllen …Genau so berühmt wie „Nike“ – der Diskuswerfer von Myron …Diskuswerfer aus einem anderen Blickwinkel. Hier gilt eine alte Zeichner-Weisheit: Je schwieriger die Haltung des Körpers, umso schneller soll man zeichnen. Denn das Auge und die Hand „wissen“ am besten, was zu tun ist – überlegt man zu viel, besteht die Arbeit bald nur noch aus Korrigieren …Aphrodite von Melos – eine geradezu erstaunliche Klarheit der Formen … Neben der Laokoon-Gruppe und der Nike von Samothrake ist sie eine der bekanntesten Beispiele hellenistischer Kunst.Apollo von Belvedere hier mit draufgeklebtem Feigenblatt – die Schönheit und die Kunst können für die Nacktheit nicht immer bürgen. (Die lächerliche Schambedeckung ist von der Originalstatue längst entfernt worden.) … Für Winckelmann stellte das Werk „das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums“ dar.Ein Porträt von dem Stoiker Chrysipp … Alles, was wir im Kurs „Kopf malen und zeichnen“ behandelt haben, kann man hier – in meisterhafter Weise angewendet! – sehen … Wenn man weiß, wie und aus welchen Grundformen der Kopf zusammengesetzt ist, gelingt jedes Porträt. (Das viele Üben bleibt trotzdem niemanden erspart)In der Tübinger Antiken Sammlung müssen die menschlichen Körper nicht nur für die prächtige Darstellung von Göttern mit ihren „idealen“ Proportionen hinhalten. Hier ein wunderbares Porträt eines alten Mannes. Es bezeugt den gekonnten Naturalismus und eine unerschrockene Kunst der Beobachtung damaliger Bildhauer …Auf dem Weg zum Bahnhof, am Flussufer, sah ich weitere Zeichner …! Wann gehen wir zusammen zeichnen?
Unsere Petra hat sich in letzter Zeit intensiv mit dem Thema „Porträt“ beschäftigt. Nachdem sie die Skulptur „der Schwebende“ von Berloch als Porträtmotiv verwendet hat, setzte sie ihre Porträtserie mit einem neuen, in vieler Hinsicht anspruchsvolleren Thema fort; mit der bildnerischen Reflexion über ihre bemerkenswerte Mutter – die mit 52 entschieden hat, Kunstzu studieren! Petra stellt sie hier mit einer kleinen Vita, einer Auswahl ihrer Bilder und mit drei schönen Porträts vor.
Über meine Mutter:
ALO BORCH
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Der Monat meiner Mutter ist der September.
Am 30.9.1919 wurde sie in Bad Gastein (Österreich) geboren. Sie war die Älteste von sechs Schwestern und zwei Brüdern und kam nach ihren wenig älteren Bruder, mit dem sie später das Bergsteigen und Klettern lernte.
Am 12.9.42 heiratete sie einen Berliner; einen examinierten Wirtschaftsingenieur, inzwischen Feldwebel der deutschen Wehrmacht und verbrachte mit ihm die Flittertage beim Bergsteigen in den Bergen der Heimat.
Am 18.9.93 starb sie (verwitwet) in Freiburg, inmitten ihrer Familie in ihrer Atelierwohnung an den Folgen eines Gehirntumors.
„Meine Büdln und meine Dechter“, das nannte sie in den letzten Tagen ihres Lebens ihr Werk. (Bilder und Töchter).
Ich, als dritte Tochter hatte 1971 mein Kunststudium zugunsten der Theologie aufgegeben. Das gab ihr den Anstoß, selbst ihren Lebenstraum zu verwirklichen: malen zu lernen!
Sie besuchte zehn Jahre die Werkkunstschule in Köln, bis Anfang der 80er Jahre und malte bis an ihr Lebensende. Nach dem plötzlichen Tod meines Vaters (81) zog sie nach Freiburg, wo die Jüngste als Tierärztin praktiziert.
Ihre Bilder wurden in verschiedenen Ausstellungen in Freiburg gewürdigt und hängen heute bei uns vier Töchtern und einigen Schwestern.
Die künstlerische Arbeit machte sie mit den großen Künstlern der klassischen und neuen Moderne vertraut. Sie liebte Cézanne und studierte ihn und viele andere. Bildung war ihr in der Jugend trotz Wissensdurst nicht möglich.
Als junge Frau befand sie sich unter der ideologischen Glocke der Nazis, die auch Österreich freudig über sich stülpte.
Als reife Frau lernte sie mit ihren Töchtern eine europäische und internationale Kultur kennen, wählte SPD und kaufte in Köln die erste Emma. Sie verstand sich als Sozial-Feministin mit einer Abweisung aller Organisationen, besonders der Kirchen (als Katholikin war sie ausgetreten). Dennoch engagierte sie sich in der Gemeinde: Sie wurde Vormund für fünf Waisen, deren Eltern an Alkoholkrankheit verstorben waren, und ermöglichte so den Kindern als Familie zusammen erwachsen zu werden. Auch ging sie der Auseinandersetzung mit der Nazi-Geschichte nicht aus dem Weg, sondern konfrontierte sich mit Dokumenten aus ihrer Jugend. (Hitler-Reden im Radio, Holocaustfilme, Ausstellungen).
Alo Borch ist ihre Signatur. Sie war eine geerdete Frau mit großem Herz und, jenseits aller Konventionen, dem Leben verbunden. Meine neuerliche Beschäftigung mit ihrem Porträt verbindet mich neu mit ihr.
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Bilder von Alo Borch …
Eine surrealistisch anmutende Formcollage aus fliegenden Farbwesen und wundersamen Raumstapelungen …
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Tiefe und Leuchtkraft; Kühle und Wärme: Formspiel und Raumaufbau; Komposition und Farbtanz …Ein „architektonisches“ Form- und Farbgebilde im Prozess einer schönen „Zersetzung“ …Der Betrachter dieser zauberhaften Traumwelt hat sich in einen Kater verwandelt, währen der Mond sein ganzes Licht an die Landschaft verschenkt hat …Blumen, Vogel, Frau aus Farbtupfer der Fantasie … und trotzdem – eine unverblümte Darstellung einer tiefen seelischen Gespaltenheit !Alles lebendig, alles bunt und nahrhaft … aber schaut euch den Hintergrund an! Die Marktverkäuferin trägt nicht zufällig schwarz, sie ist ein tragisches „Destillat“ der grauen Stadt – ihr geradezu heroisches Unternehmen, hier die Abnehmer für ihre sattfarbigen Früchte zu finden, ist zum Scheitern verurteilt …Eine kleine bildnerische Erzählung … die Lebensgeschichte der Künstlerin?Ein Aquarell wie ein heimlich, hinter der Rücken der Zeit ausgehandeltes Glück …Berge im Schnee in einer Farbstimmung, die zum Träumen einlädt …Eine liebevolle – und gekonnte – Widmung an Cézanne …
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Drei Porträts von Alo Borch von Petra
Das Porträt scheint, aus Farbwolken und Farbstimmungen zu bestehen … Und das Lächeln und der Blick – sie scheinen, aus dem Funke einer plötzlichen Kindheitserinnerung entsprungen zu sein …
Alo Borch als ältere Frau … Expressive Lebendigkeit und trotzdem – ein Augenblick des inneren Einkehrs.
Heute stellen wir zwei weitere Meister der Raumfaltung vor – Beate und Kerstin! Während Kerstin ihr Bild noch im Kurs fertig gemalt hat, vollendete Beate ihre Arbeit erst neulich zu Hause. Zwei sehr schöne, mit viel Gefühl und Aufmerksamkeit ausgeführte Werke!
Raumfaltungen von Beate …
Beates Bild ist besonders schön in der spielerischen „Linienführung“ und in den mittleren Tonwerten der rötlichen Lichtbrechungen. Das Ergebnis sind eine starke plastische Wirkung und eine kunstvoll fließende „Formkaskade“ …
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Raumfaltungen von Kerstin …
Die Raumfaltungen von Kerstin strahlen durch ihre stimmungsvolle Farbgebung eine geradezu hypnotische Ruhe aus – ein sanfter Glanz des Stoffes und ein zartes Licht, das selbst in den dunkelsten Schatten zu leuchten scheint …
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Bezüglich der Arbeitsstimmung, in der Beate zu malen pflegt, hat man schon von einer „epischen Gemütlichkeit“ geredet. Das Gleiche gilt auch für Kerstin, die einen ganzen Kurs (12 Termine) für ihre Arbeit verwendet hat! … Die Bezeichnung „epische Gemütlichkeit“ stammt übrigens von Aaron Gurjewitsch, dem berühmten russischen Mediävisten, der mit diesen Worten die Gemütslage des Mittelalters beschrieben hat – und somit die gängige Vorstellung von einem „dunklen“ Mittelalter als unhaltbar entlarvte. (Die Vorlagen für die beiden Bilder stammen übrigens auch aus dem Mittelalter – bei Beate ein Bildausschnitt vom Genter AltarJan van Eycks, bei Kerstin ein Bildausschnitt eines Mariabildnisses des gleichen Künstlers). An dieser Stelle würde es zu weit führen, den Kontext zu erläutern, aber wer Näheres über die epische Gemütlichkeit erfahren möchte und ein gutes, unterhaltsames Buch sucht, empfiehlt sich Gurjewitschs Werk „Stumme Zeugen des Mittelalters: Weltbild und Kultur der einfachen Menschen.“
Das Buch eignet sich hervorragend als (geistig nahrhafte) Sommerlektüre.Antiquarisch für 4 – 5 Euro zu haben …!
Seit einigen Jahren gebe ich einen mehrtägigen Workshop an der VHS Sindelfingen – die sog. »Winterakademie«. Volker – ein „Stammgast“ des Kurses – hat letztes Mal von unserem Blog erfahren. Seitdem ist er ein treuer Blogleser, der sich gern von unseren Arbeiten auch inspirieren lässt. Neulich berichtete er in einer E-Mail davon. Hier sein Bericht und ein paar neue Bilder. (Dafür auch an dieser Stelle einen herzlichen Dank!)
Hallo Zeljko,
vielen Dank für Deine Beiträge im Atelierhausmeister Blog.
Ich lese ihn immer gerne, auch mit Interesse, besonders was sich so in Deinen Kursen getan hat, bzw. tut. Unser gemeinsamer Kurs ist ja schon eine Weile her, Ende Januar dieses Jahres in Sindelfingen. Da habe ich ja mich mit dem von Dir vorgeschlagenen Thema »Masken« beschäftigt. Eine wurde fertig (hast Du ja auch zusammen mit den anderen Bildern vom Kurs im Blog gezeigt), eine weitere habe ich über die Zeit fertiggestellt (siehe Masken in der Anlage). Anbei auch die „Punktlandungen“, dazu bin ich von Deinem Blog bei den Beiträgen inspiriert worden.
Wenn der nächste Kurs stattfindet, bin ich wieder dabei.
Bis dahin gute Zeit, Ideen und Gesundheit wünscht Dir Volker
Die „Masken-Gesichter“ von Volker haben einen starken bildnerischen Ausdruck; beide Köpfe sind zweigeteilt in jeweils zwei „Persönlichkeiten“ … Besonders interessant ist die Verwendung vom Grau, das die sanften Ockertöne erglühen lässt, ohne dass sie aufdringlich wirken.
Über die Bildserie „Punktlandung“ vermerkte Volker:
Die Punkte haben eine Fallhöhe von ca. 40 cm bis 2,5 m (ich bin auf einer Leiter gestanden) und ich habe die verwendete Farbe unterschiedlich „dick“ verwendet. Das habe ich alles vorher ausprobiert. Das ist für Dich sicher nichts Neues, man muss halt alles mal probieren, manches wieder und wieder ausprobieren und manches wird halt einfach nichts. In diesem Sinne, ich werde weiter immer wieder was ausprobieren und mich freuen, wenn es in meinem Sinne gelingt, wenn nicht, andere Wege suchen oder es halt einfach auch mal bleiben lassen …