Apollo in Tübingen

Tübingen ist eine hübsche, angenehme Stadt. Flanieren, in einem netten Café Kaffee trinken, am Fluss die Ausflugsboote beim Vorbeigleiten beobachten – wunderbar!
Aber in der Glyptothek im Schloss Hohentübingen, wo Gipsabgüsse berühmter antiker Skulpturen ausgestellt sind, zeichnen gehen – das ist etwas ganz besonders!  Neulich habe ich es (wieder) gemacht.

Im Vordergrund steht Nike von Samothrake! Selten ist in der griechischen Plastik die Wirkung einer selbst nicht darstellbaren Substanz – der Luft – so eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht worden. Lange wurde die Skulptur der Siegesgöttin als das schönste Kunstwerk aller Zeiten gepriesen.  Im 20. Jh. wollten die Futuristen dem ein Ende setzen –  Marinetti rief aus: Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. (darauf attestierte Herman Broch den Futuristen eine „Kindheit der Vernunft“.  Heute sagen wir: zu Recht! Denn was eine zwar avantgardistische aber auch pubertäre Begeisterung für Technik, Schnelligkeit, Lärm, Masse, maschinelle Reizerhöhung und überhaupt für das „Neue“ aus der Welt gemacht hat, wissen wir nur zu gut …)
Hier meine Zeichnung, in der ca. 30 Minuten Beobachtung gespeichert sind …
Eine Skizze … Es ist ein Vergnügen besonderer Art, die Linien einer Skultpur (oder eines beliebigen Objekts!) zu dokumentieren, die Bewegung des Körpers durch Bewegung des Bleistifts noch einmal künstlerisch mit Leben zu füllen …
Genau so berühmt wie „Nike“ – der Diskuswerfer von Myron
Diskuswerfer aus einem anderen Blickwinkel. Hier gilt eine alte Zeichner-Weisheit: Je schwieriger die Haltung des Körpers, umso schneller soll man zeichnen. Denn das Auge und die Hand „wissen“ am besten, was zu tun ist – überlegt man zu viel, besteht die Arbeit bald nur noch aus Korrigieren …
Aphrodite von Melos – eine geradezu erstaunliche Klarheit der Formen … Neben der Laokoon-Gruppe und der Nike von Samothrake ist sie eine der bekanntesten Beispiele hellenistischer Kunst.
Apollo von Belvedere hier mit draufgeklebtem Feigenblatt – die Schönheit und die Kunst können für die Nacktheit nicht immer bürgen. (Die lächerliche Schambedeckung ist von der Originalstatue längst entfernt worden.) … Für Winckelmann stellte das Werk „das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums“ dar.
Ein Porträt von dem Stoiker Chrysipp … Alles, was wir im Kurs „Kopf malen und zeichnen“ behandelt haben, kann man hier – in meisterhafter Weise angewendet! – sehen … Wenn man weiß, wie und aus welchen Grundformen der Kopf zusammengesetzt ist, gelingt jedes Porträt. (Das viele Üben bleibt trotzdem niemanden erspart)
In der Tübinger Antiken Sammlung müssen die menschlichen Körper nicht nur für die prächtige Darstellung von Göttern mit ihren „idealen“ Proportionen hinhalten. Hier ein wunderbares Porträt eines alten Mannes. Es bezeugt den gekonnten Naturalismus und eine unerschrockene Kunst der Beobachtung damaliger Bildhauer …
Auf dem Weg zum Bahnhof, am Flussufer, sah ich weitere Zeichner …! Wann gehen wir zusammen zeichnen?

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Punktlandung in Sindelfingen …

Seit einigen Jahren gebe ich einen mehrtägigen Workshop an der VHS Sindelfingen – die sog. »Winterakademie«. Volker – ein „Stammgast“ des Kurses –  hat letztes Mal von unserem Blog erfahren. Seitdem ist er ein treuer Blogleser, der sich gern von unseren Arbeiten auch inspirieren lässt.  Neulich berichtete er in einer E-Mail davon. Hier sein Bericht und ein paar neue Bilder.  (Dafür auch an dieser Stelle einen herzlichen Dank!)

Hallo Zeljko,
vielen Dank für Deine Beiträge im Atelierhausmeister Blog.
Ich lese ihn immer gerne, auch mit Interesse, besonders was sich so in Deinen Kursen getan hat, bzw. tut. Unser gemeinsamer Kurs ist ja schon eine Weile her, Ende Januar dieses Jahres in Sindelfingen. Da habe ich ja mich mit dem von Dir vorgeschlagenen Thema »Masken« beschäftigt. Eine wurde fertig (hast Du ja auch zusammen mit den anderen Bildern vom Kurs im Blog gezeigt), eine weitere habe ich über die Zeit fertiggestellt (siehe Masken in der Anlage). Anbei auch die „Punktlandungen“, dazu bin ich von Deinem Blog bei den Beiträgen inspiriert worden.
Wenn der nächste Kurs stattfindet, bin ich wieder dabei.
Bis dahin gute Zeit, Ideen und Gesundheit wünscht Dir Volker

Die „Masken-Gesichter“ von Volker haben einen starken bildnerischen Ausdruck; beide Köpfe sind zweigeteilt in jeweils zwei „Persönlichkeiten“ … Besonders interessant ist die Verwendung vom Grau, das die sanften Ockertöne erglühen lässt, ohne dass sie aufdringlich wirken.

Über die Bildserie „Punktlandung“ vermerkte Volker:
Die Punkte haben eine Fallhöhe von ca. 40 cm bis 2,5 m  (ich bin auf einer Leiter gestanden)  und ich habe die verwendete Farbe unterschiedlich „dick“ verwendet. Das habe ich alles vorher ausprobiert. Das ist für Dich sicher nichts Neues, man muss halt alles mal probieren, manches wieder und wieder ausprobieren und manches wird halt einfach nichts.
In diesem Sinne, ich werde weiter immer wieder was ausprobieren und mich freuen, wenn es in meinem Sinne gelingt, wenn nicht, andere Wege suchen oder es halt einfach auch mal bleiben lassen …

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Ausstellung: Zum Berühmtsein eigentlich keine Zeit

Die Ausstellung  „Zum Berühmtsein eigentlich keine Zeit“  in der Galerie „Oberwelt“ beschäftigt sich mit dem 2013 verstorbenen Stuttgarter Künstler Albrecht/d. Die Ausstellung ist zugleich eine Buchpräsentation …
Engagement und Experiment; Subversion und Idealtismus; künstlerische Freiheit und Verautwortung – das waren die Eckpfeiler seiner Kunst.  Albrecht/d war ein vielseitig interessierter und aktiver Avantgardekünstler ( Performance, Mailart, Fluxus, Musik, politischer Aktivismus, publizistische Tätigkeit …), der erstaunlicherweise weitgehend, sogar in Stuttgart, unbekannt geblieben ist. Die Ausstellung in der Oberwelt leistet einen wertvollen Betrag, diesen ungewöhnlichen Künstler einem breiteren Publikum bekannt zu machen – und bietet eine wunderbare Gelegenheit, mehr über Avantgardekust der Nachkriegszeit zu erfahren.
Das Buch über Albrecht/d erscheint beim Verlag  Edition Randgruppe  ( wo auch literarische Werke eures Atelierhausmeisters erscheinen! )
Mehr über Albrecht/d hier:  http://albrecht-d.de/
30. Juni,  19.00 Uhr,  Reinsburgstrasse 93



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Ambulanter Zeichner

Morgen gibt es eine wunderbare Ausstellung in der  STUDIENGALERIE  (PH Ludwigsburg)!  Zu sehen sind Werke von einem alten Freund von mir,  Matthias Beckmann,  einem begnadeten Zeichner und einem der humorvollsten Künstler der Bundesrepublik !
Vor der Ausstellungseröffnung gibt es sogar einen Workshop ! (sehe unten)



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Sonne, Hitze, Licht – was sagt Cézanne dazu!


»Diese Sonne, hören Sie zu … das Spiel der Strahlen, Ihr Weg, Ihr Eindringen, die Allgegenwart der Sonne über die Welt hin, wer wird das jemals malen, wer wird das berichten?«



Jeder hat von ihm gehört, alle wissen, dass er die Malerei der Moderne maßgeblich beeinflusst hat. Ausstellungen, die seine Werke zeigen, verzeichnen Besucherrekorde, man staunt über die Millionen, die für seine Bilder gezahlt werden … Aber wie hat „der große Meister“ gedacht, was hat er über seine Arbeit gesagt, was wollte er mit seiner Malerei eigentlich erreichen?
In kleinem Buch „Gespräche mit Cézanne“ kann man es nachlesen! Hier sind seine wichtigsten Äußerungen gesammelt – aufgezeichnet von seinen Freunden und Besuchern oder hinterlassen in Briefen.  Seine Gedanken über die Kunst, Künstler und Malerei zeugen von einem urigen Geist, der unbeirrt seinen eigenen Weg schlägt. Was ist Farbe, was ist Fläche, wie erklärt man das Phänomen „Schatten“? Eindrucksvoll berichtet der Maler über sein Verständnis der Malerei und seine Verhältnis zur Natur. Um Kunst machen zu können, soll der Künstler „in sich verstummen lassen alle Stimmen der Voreingenommenheit, vergessen, vergessen, Stille machen, ein vollkommenes Echo sein.“ An einer anderen Stelle ruft er: „Keine Theorien! Werke … Die Theorien verderben die Menschen.“ … Den Künstlern empfiehlt er Meditation, lange Arbeit, Studium und Beharrlichkeit …
Noch immer gilt die Feststellung „willst du moderne Malerei verstehen, musst du Cézanne verstehen“. Denn die Liste der Künstler, die sich auf ihn berufen, ist lang und umfasst beinahe alle „bedeutenden“ Maler des 20. Jahrhundert.

Übrigens: Noch bis 18. Juni haben wir die Gelegenheit, ein paar seiner Bilder in der Ausstellung Aufbruch Flora“  zu sehen!

Gespräche mit Cézanne … ein paar unterhaltsame und anregende Lesestunden für alle, die den großen Meister besser kennenlernen wollen !

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Fotorealismus und andere Schein-Werke der Kunst


Else und ich  haben neulich wieder einen schönen Spaziergang durch die aktuellen Ausstellungen in der Staatsgalerie gemacht. Nachdem uns die Videokunst Manifesto« von J. Rosefeld)  in dunklen Räumen die Augen schnell müde gemacht hat – auf 13 Projektionsflächen 13 avantgardistische  Sagen über Kunst  (in einer verschwenderischen, Hollywood-artigen Hochglanzproduktion) – suchten wir zunächst Zuflucht bei Kunstdinosauria:  Cézanne, Manet, Van Gogh, Bonnard, Vallotton  in der Ausstellung  »Aufbruch Flora«.
Dann haben wir uns noch das Bild »Petty Smith« von Franz Gertsch angeschaut. Auch hier – handwerkliche Hochleistung, Fotorealismus vom Feinsten!  Und erst hier fanden wir genug Ruhe, das Phänomen »Schein« in der bildenden Kunst genauer unter die Lupe zu nehmen.
Warum malen manche Künstler die Fotos ab, was wollen sie damit ausdrücken?  Handelt es sich um eine neue, paradoxe, weil unmögliche Tiefe der modernen Kunst, die dazu verdammt ist, an der Oberfläche zu enden?  Eine Provokation, eine perfide Weigerung, Sinn zu stiften?  Oder doch nur geistlose Kopistenvirtuosität?
Das Thema ist so ergiebig, dass man gleich in Versuchung kommt, eine großepische, ebenso mit Hochglanzbilder illustrierte Kunstgeschichte zu erzählen.  Ausgehend vom wundersamen Vogelherdhöhle-Pferdchen  über Trugbilder des malers Parrhasios, fantastische Naturtreue der antiken Plastik, erstaunlichen Realismus von Porträtkunst der Renaissance und fabelhaften Illusionismus der niederländischen Stilllebenmalerei bis hin zu Hyperrealismus eines Duane Hansons und schrillen Kunstposen von Andy Warhol …

Bei der Ansicht des Bildes müssten wir zuerst doch an die wunderbaren Rockhymnen von Patty Smith denken …

 


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