– Die Kunst liegt in Scherben

Im Museum Alte Kulturen in Tübinger befinden sich nicht nur die ersten Kunstwerke der Menschheit und wunderbare Abgüsse berühmter antiker Skulpturen – darüber haben wir schon berichtet – sondern auch eine schöne Sammlung der Keramikscherben. Über zahlreiche Vitrinen verteilt erblicken uns dort die kleinen Fragmente, diese bunten Puzzle-Teile der Kunstgeschichte und erzählen vom spiellustigen Kunstgeist der Antike. Was wir hier betrachten und studieren dürfen, ist ein Überbleibsel einer enormen Keramikproduktion, an der auch die wahren Zeichner-Virtousen beteiligt waren. Man kann sich förmlich die Menge der Gebrauchsgegenstände aus künstlerisch hochwertiger Keramik vorstellen, die nötig war, damit diese Scherben nach z. T. 2500 Jahren erhalten blieben … Mehr noch als vollständig erhaltene Vasen und Krüge regen aber gerade diese Bruchteile unsere Fantasie an und reizen uns, in der Zeichnung erahnte Geschichten fortzusetzen. Im “Scherbenzimmer” des Tübinger Museums könnte man ganze Nachmittage verbringen! Epos und Mythos, Geschichte und Alltag einer längst untergegangenen Kultur leben im spielerischen Tanz der Linie, im seidenen Glanz der Fläche und in Witz und Klarheit der dargestellten Szenen weiter.  Museum Alte Kulturen mag ich auch dehalb, weil es wie ein feines Studiolo, wie ein gemütliches Künstlerwohnzimmer wirkt, in dem auch eine winzige Scherbe die gleiche Aufmerksamkeit bekommen darf, wie die “großen” Meisterwerke.


 

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Apollo in Tübingen

Tübingen ist eine hübsche, angenehme Stadt. Flanieren, in einem netten Café Kaffee trinken, am Fluss die Ausflugsboote beim Vorbeigleiten beobachten – wunderbar!
Aber in der Glyptothek im Schloss Hohentübingen, wo Gipsabgüsse berühmter antiker Skulpturen ausgestellt sind, zeichnen gehen – das ist etwas ganz besonders!  Neulich habe ich es (wieder) gemacht.

Im Vordergrund steht Nike von Samothrake! Selten ist in der griechischen Plastik die Wirkung einer selbst nicht darstellbaren Substanz – der Luft – so eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht worden. Lange wurde die Skulptur der Siegesgöttin als das schönste Kunstwerk aller Zeiten gepriesen.  Im 20. Jh. wollten die Futuristen dem ein Ende setzen –  Marinetti rief aus: Ein Rennwagen, dessen Karosserie große Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen … ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake. (darauf attestierte Herman Broch den Futuristen eine “Kindheit der Vernunft”.  Heute sagen wir: zu Recht! Denn was eine zwar avantgardistische aber auch pubertäre Begeisterung für Technik, Schnelligkeit, Lärm, Masse, maschinelle Reizerhöhung und überhaupt für das “Neue” aus der Welt gemacht hat, wissen wir nur zu gut …)
Hier meine Zeichnung, in der ca. 30 Minuten Beobachtung gespeichert sind …
Eine Skizze … Es ist ein Vergnügen besonderer Art, die Linien einer Skultpur (oder eines beliebigen Objekts!) zu dokumentieren, die Bewegung des Körpers durch Bewegung des Bleistifts noch einmal künstlerisch mit Leben zu füllen …
Genau so berühmt wie “Nike” – der Diskuswerfer von Myron
Diskuswerfer aus einem anderen Blickwinkel. Hier gilt eine alte Zeichner-Weisheit: Je schwieriger die Haltung des Körpers, umso schneller soll man zeichnen. Denn das Auge und die Hand “wissen” am besten, was zu tun ist – überlegt man zu viel, besteht die Arbeit bald nur noch aus Korrigieren …
Aphrodite von Melos – eine geradezu erstaunliche Klarheit der Formen … Neben der Laokoon-Gruppe und der Nike von Samothrake ist sie eine der bekanntesten Beispiele hellenistischer Kunst.
Apollo von Belvedere hier mit draufgeklebtem Feigenblatt – die Schönheit und die Kunst können für die Nacktheit nicht immer bürgen. (Die lächerliche Schambedeckung ist von der Originalstatue längst entfernt worden.) … Für Winckelmann stellte das Werk „das höchste Ideal der Kunst unter allen Werken des Altertums“ dar.
Ein Porträt von dem Stoiker Chrysipp … Alles, was wir im Kurs “Kopf malen und zeichnen” behandelt haben, kann man hier – in meisterhafter Weise angewendet! – sehen … Wenn man weiß, wie und aus welchen Grundformen der Kopf zusammengesetzt ist, gelingt jedes Porträt. (Das viele Üben bleibt trotzdem niemanden erspart)
In der Tübinger Antiken Sammlung müssen die menschlichen Körper nicht nur für die prächtige Darstellung von Göttern mit ihren “idealen” Proportionen hinhalten. Hier ein wunderbares Porträt eines alten Mannes. Es bezeugt den gekonnten Naturalismus und eine unerschrockene Kunst der Beobachtung damaliger Bildhauer …
Auf dem Weg zum Bahnhof, am Flussufer, sah ich weitere Zeichner …! Wann gehen wir zusammen zeichnen?

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