– HOMO LUDENS

Neulich ermahnte mich Beate, dass ich schon lange keine Literaturempfehlung gegeben habe.
Als ich dann – um das Versäumte nachzuholen – vor meinem Bücherregal nachgedacht habe, welches Buch ich nun vorstellen soll, fiel mein Blick auf  »Homo Ludens«  von Johan Huizinga.  Sofort fragte ich mich, wie könnte es sein, dass ich ausgerechnet dieses Werk bisher noch nicht besprochen habe!  Jeder Maler unsers Ateliers hat mich das Wort »Spiel« im Zusammenhang mit der bildnerischen Gestaltung schon unzählige Male aussprechen gehört.  Das Spiel und die Kunst sind so ineinander verwebt, dass man fast von Synonymen sprechen kann. Ist ein Kunstwerk überhaupt möglich, ohne dass der Künstler auf irgendeine Art und Weise mit seinen Mitteln und seinem Thema spielerisch umgeht? Nicht umsonst sagt man, dass man mit Gedanken spielt, wenn man etwas Neues überlegt. Man experimentiert, indem man mit neuem Material spielt. Kann man überhaupt eine neue Bildidee entwickeln, ohne Farb- und Formspiele zu betreiben? Spiel ist in der bildenden Kunst einfach allgegenwärtigAber wo kommt das her, warum spielen wir eigentlich?

Johan Huizinga, Homo Ludens: Vom Ursprung der Kultur im Spiel (hier eine kroatische Luxsuzausgabe, auf Deutsch kann man das Buch sehr günstig antiquarisch besorgen … z. B. bei https://www.booklooker.de/)
Das Buch »Homo Ludens«, das den Untertitel  »vom Ursprung der Kultur im Spiel«  trägt, ist ein kulturgeschichtliches Standard- und Schlüsselwerk zum Theman “Spiel”. Für Huizinga ist das Spiel kulturstiftend, alle Bereiche unserer Kultur, wie Politik, Wissenschaft, Religion, Recht usw. haben sich ursprünglich aus spielerischen Verhaltensweisen herausgebildet und in unserer Gesellschaft über die Zeit durch verschiedenartige Ritualisierungen als feste Institutionen etabliert. Diese These ist mit zahlreichen Beispielen illustriert, der Text im Allgemeinen ist allerdings relativ anspruchsvoll …
Man mag sich heute wundern, dass ein Buch über das Spiel ausgerechnet im Kriegsjahr 1939 erschienen ist. Der Autor wusste allerdings, dass aus Spiel auch »heiliger Ernst« entstehen kann, denn, wenn sich eine Verhaltensweise einmal verfestigt hat, ist sie nicht mehr leicht zu ändern und begann einen Zwangscharakter anzunehmen. Huizinga war keineswegs naiv, er behandelte in seinem Buch auch den Krieg und wusste ganz genau, was im Europa jener Jahre vor sich ging. 1933 verweigerte er – als Rektor des Leidener Universität – dem deutschen Nationalsozialisten Johann von Leers den Handschlag und schloss wegen antisemitischen Äußerungen sogar eine ganze deutsche Delegation von einer internationalen Tagung kurzerhand aus (, was ihm die Kriegsjahre in der besetzten Niederlande zur Hölle machte – er starb 1945 kurz vorm Kriegende).
An dieser Stelle kann ich es nicht lassen, auch ein weiters Buch vom gleichen Autor zu empfehlen. Sein großes Werk »Herbst des Mittelalters« sollte nach meiner Meinung jeder bildungsinteressierte Mensch lesen …

 

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